Persönlich.

Etwas mehr als zwei Wochen bis zur Wahr- und Klarheit.
Im Dezember 2014 war ich das letzte Mal im MRI. Der Termin war äusserst erfolgreich. Keine neuen Läsionen und von den alten haben sich eine gute Handvoll zurückgebildet. In den letzten 48 Monaten habe ich mich bemüht meinen eingeschlagenen Weg weiterhin zu verfolgen. Ich habe endlich meine Stelle gekündigt und nach einer neunmonatigen Suche einen Traumjob gefunden. Ich habe eine starke Beziehung aufgelöst weil sie uns beide aufgehalten hat weiter zu wachsen, mich entliebt, verliebt und verletzen lassen. Habe vor einem Jahr einen fünfwöchigen Hilfseinsatz in Uganda geleistet. Die Erkenntnisse, Bilder, Begegnungen und Erfahrungen daraus begleiten mich noch heute jeden Tag. Den Rat meines Neurologen – mich von emotionalem Stress fernzuhalten – habe ich also alles andere als befolgt. Mir war ja sowieso nie klar wie das gehen soll. Das würde bedeuten entweder in ein Kloster einzutreten, mich von jeglichen menschlichen Begegnungen fernzuhalten oder zu einem kaltherzigen Menschen zu werden. Ersteres scheint mir noch am realistischsten, von letzterem haben wir nach meinem Geschmack sowieso schon viel zu viele. Ich denke heute, dass beim mittleren der Schlüssel liegt. Wobei es nicht jegliche sondern nur die Begegnungen sind die einem nicht gut tun. Scheint mir allerdings so ne Lebensaufgabe zu sein. Erkannt habe ich sie. Für die Umsetzung brauch ich noch bisschen Übung.

 

Jetzt bin ich aber ein gutes Stück vom eigentlichen Thema abgedriftet. Soll ja schliesslich Gemütszustandsblog werden. Ich fühle mich knapp 17 Tage vor dem Untersuch angespannt und mehrheitlich gesellschaftsunfähig. Als ich im Dezember 2011 die Diagnose erhalten habe, habe ich mir geschworen dass ich in fünf Jahren geheilt bin. Geheilt von einer Krankheit die als Unheilbar eingestuft wird. Der kommende Untersuch bedeutet für mich selbst also einen Wendepunkt. Auch wenn mir bewusst ist, dass es Schulmedizinisch diese Erlösung nicht gibt.

 

Vor kurzem habe ich einem Freund von dieser Anspannung erzählt. Er sagte dazu: „Auch das ist nur Kopfsache.“ Diese Aussage hat mich verletzte und beschäftigt. Auf der einen Seite weil es stimmt, es mir bewusst ist und ich es nicht hinbekomme und auf der anderen Seite, weil ich finde, dass ein gesunder Menschen nicht nachvollziehen kann wie sich das anfühlt. Diese Gefühlslage in Worte zu fassen ist schwierig. Es ist eine Mischung aus Dankbarkeit, Ehrfurcht, Angst und Hoffnung.

Dankbarkeit
Für all diese Monate, Wochen und Tage. Für all die Begegnungen, Berührungen, Konzerte, Eindrücke, Erfahrungen, Lektionen und Schmerzen. Für alles was mich spüren lässt, dass ich am Leben bin. Dankbarkeit dass mein Weg so lange so problemlos funktioniert.

Ehrfurcht
Ein grosses Stück vor mir selbst. Denn 47 Monate und zwei Wochen bin ich in Bezug auf meine MS nahezu tiefenentspannt. Ich glaube daran, dass das was ich tue richtig ist und ich vertraue meinem Herzen und meinem Bauch. Ehrfurcht aber auch davor, dass die Prüfung noch nicht zu Ende sein könnte.

Angst
Da wären wir bei der Kopfsache. Ja ich habe Angst. Angst davor, dass einiges was in diesen 48 Monaten passiert ist zu viel Belastung war um die Balance in meinem Körper zu halten. Angst davor dass die Krankheit wieder aktiv ist. Ich weitere Monate einfach nur Glück hatte, dass mein Immunsystem nichts zerstört hat was überlebenswichtig ist. Ich empfinde diese Angst nicht per se als negativ, dafür bin ich Realistin genug. Ich finde es vernünftig, die Möglichkeit durchzuspielen dass die Zeit näher Rückt in der ich entscheiden muss wie lange und unter welchen Umständen mein Leben lebenswert ist.

 

Hoffnung
Hoffnung zu haben, dass alles gut ist, dafür scheint es mir etwas zu spät. Daran glaube ich. Hätte ich die letzten Monate nicht die Kraft gehabt weiterhin meinem Weg zu folgen – die letzten zwei Wochen würden das jetzt nicht mehr rausreissen. Was ich hoffe ist, dass ich die Belastung - welche mich die kommenden Tage begleiten wird - nutzen kann um noch stärker und bewusster zu werden. Ich noch tiefer in meinen Verstand vordringen kann um anzunehmen was ist.

All diese Dinge lassen mich im Moment etwas komisch sein. Der eine oder andere Leser wird zu Recht denken „im Moment?“. Ich mag komisch sein. Genau wie mein Lebensweg, mein Krankheitsverlauf und mein Vertrauen in meinen Körper, mein Herz, meiner Intuition und mein Bauchgefühl. Ich kenne mich allerdings nur so. Im Moment bzw. wie die letzten 5 Jahre jeweils vor den Untersuchungen – bin ich anders komisch. Ich ziehe mich zurück weil ich niemandem zur Last fallen will, ich bin stiller als sonst und will eigentlich nicht darüber reden und doch möchte ich so viel sagen und nicht alleine sein. Mir ist völlig bewusst, dass absolut niemand mir diesen Weg abnehmen kann. Ich muss da alleine durch. Und mir ist auch bewusst dass niemand diesen inneren Kampf sieht. Der innere Kampf, der wohl jeder Mensch gelegentlich austrägt welcher sich der eigenen Endlichkeit täglich bewusst ist. Der innere Kampf an dem man zerbrechen könnte oder wachsen kann. Ich habe mich einmal mehr für das wachsen entschieden und entschuldige mich hiermit gleich im Kollektiv bei allen die mein komisch sein die nächsten paar Tage noch abbekommen. Denn sich für das wachsen zu entschieden bedeutet, sich alle dem mit vollem Bewusstsein zu stellen. All diese Gefühle anzunehmen, zu betrachten und zu versuchen sie da einzuordnen wo sie hingehören.

Wie immer wenn ich so persönlich Blogge –  hoffe ich, dass meine Zeilen das Verständnis füreinander fördert und das Bewusstsein stärken, dass man 1. nie in einen anderen Menschen hineinsehen kann und 2. man nur Unterstützung erwarten kann, wenn die Menschen im Umfeld wissen was in einem vorgeht.

 

Kommentare: 3 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Elly (Sonntag, 20 November 2016 08:11)

    Danke für diese persönlichen, berührenden Blog,
    Du ermöglichst es mir empathisch zu sein, indem du mich auf eine Reise in deine Gefühlswelt führst. Das ist für viele Menschen mutig,denn es macht verletlich. Aus dieser Sicht verstehe ich den Rat deines Neurologen.. Alles nur..(Kopfsache). Das "alles nur" ist eine entwertendende Aussage, schnell gesagt und meistens gut gemeint. Aber eben, gerade diese reiche, innere Gefühlswelt wird damit heruntergespielt. Ich glaube dass sich gerade in dieser Gefühlswelt alke Geschichten, Mythen und Bilder befinden, die gerade eben heilsam sind. Aber es braucht eine ehrliche Auseinandersetzung, so wie ich deinen Blog genossen habe

  • #2

    brigitte (Sonntag, 20 November 2016 18:22)

    Graziella,dein Blog ging mir unter die Haut . Es braucht sehr viel Courage die Gefühle so offen zu beschreiben. Für fast 5 Jahre bewundere ich deine Stärke ,dein fester Wille , deine Arbeit , dein Erfolg in sache MS,deine persönliche lebenseinstellung . In diesem Moment liebe ich deine Schwäche ,deine Ängste , deine Gefühle . Wir alle brauchen diese Schwäche diese Unsicherheiten , wir brauchen diese pause diese zeit,um das mich,mich selber zu akzeptieren zu verstehen wieder zu lieben zu kämpfen ,einzusehen , das leben ist wie ein Rad einmal oben einmal unten. Graziella,ich umarme dich und alle Schutzengel begleiten dich zum nächsten wichtigen Termin ,und was immer du erfährst , du wirst wieder die richtigen entscheide fällen Ch glaube an dich.love you gotti.

  • #3

    coni Glauser (Freitag, 25 November 2016 11:21)

    Danke für deine Worte! Ich glaube an Heilung ! Weil ich selber geheilt werden durfte. Und ich schon Mehrere Wunder gesehen und erleben durfte! Der Glauben an Gott und seine Heilende Kraft hat mich am Leben erhalten ! Ich wünsche mir für dich, dass du dies auch erlebst ! Mit Leib Seele und Geist! Blessed