Über gute Dinge spricht man viel zu wenig.

Viel zu lange ist es her, dass ich über meinen „Zustand“ geschrieben habe. Vorneweg, er ist so gut, dass ich damit beschäftig war glücklich zu sein.
Was das für Folgen hat, dazu später mehr.

Im Dezember 2018 war mein letzter Untersuch und zugleich der Erste mit meinem Supermann. Ich war die Tage davor gewohnt unruhig, hatte Angst und verlangte nach Ablenkung. Wir waren am Sonntag davor im Kino, keine Ahnung mehr in welchen Film.

Das MRI am Montag ging dann schnell, weil ja inzwischen auf eine Kontrastmittelgabe verzichtet wird. Keine 20 Minuten und ich war wieder draussen. Auch dieses Mal habe ich den Besprechungstermin direkt hinter das MRI gelegt. Die Zeit dazwischen empfinde ich jeweils als sehr unangenehm. Zwar erleichtert aber auch so machtlos. Der Status ist genommen. Ich kann nichts mehr ändern und muss nur abwarten. Das mochte ich noch nie. Wir sind also direkt zur Praxis meines Neurologen. Da mussten wir das erste Mal richtig lange warten. Da ich mir abgewöhnt habe mich länger als ein paar Minuten unwohl zu fühlen war ich bei unserem Aufruf schon wieder tiefenentspannt.

Ebenso mein Neuro. Er sass - den Bildschirmen bereits abgewendet - am Schreibtisch, begrüsste uns und meinte, dass ich es vergessen kann. „Ja, da kommt nichts mehr Frau Bättig. Das ist nur noch ein klinisch isoliertes Symptom.“
Ich: „Aso, ähm. Geheilt?“
Er: „Neeeein, das kann ich jetzt so noch nicht sagen. Da müssen wir in 5 Jahren nochmals ein MRI machen.“
Ich: „Mhhh, also Fehldiagnose oder wat?
Er: „Nein. Das kommt bei 10% der MS Patienten vor. Wir wissen einfach nicht warum.“

Ich für mich weiss es.  
Resilienz. Ich werde es zwar wohl nie auf Anhieb richtig aussprechen, aber hier geht’s ja zum Glück nicht um Rhetorik. Sicher, vielleicht hatte ich auch ganz ganz viel Glück. Oder meine Hausärztin hatte doch Recht und Autoimmunreaktionen sind oft Vergiftungen durch irgendein Umweltgift. Das sind aber alles Spekulationen. Nach schulmedizinischen Fakten hatte ich MS mit 17 Läsionen und nun wurde die Diagnose auf ein klinisch isoliertes Symptom herabgestuft. Paaaaarty!  Mein Superherz hatte bereits einen Champagner im Gebüsch versteckt und los ging es. Essen und Freund treffen. Das Leben feiern.

Was für eine Befreiung nach dem 3. Dezember 2018 folgte und wohl noch lange folgend wird lässt sich fast nicht in Worte fassen. Heute ist nicht mehr mein erster Gedanke, soll ich das tun oder triggert das mein Immunsystem. Heute ist mein erster Gedanke wieder, „kann ich dabei sterben? Nein? Los!“ Es ist wie eine zweite Haut die sich über die Jahre gebildet hatte. Eine Haut die mir Sicherheit gab, mich aber auch einschränkte. Eine Haut die mich schützte, mich aber auch lähmte. Diese Haut bildet sich ganz langsam aber stetig zurück. Ich muss wieder lernen meinem Körper zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass das Risiko dass er mich von jetzt auf gleich an den Rollstuhl bindet etwa gleich gross ist wie bei Dir. Das ist nicht so einfach und prüft erneut meine Fähigkeit zu reflektieren, loszulassen und zu wachsen. Seit diesem 3. Dezember 2018 darf mein Leben wieder aufblühen, unsinnig werden und manchmal etwas drüber. Immer mit dem Wissen, dass die Balance der Schlüssel ist für ein langes und gesundes Leben.  

Die eine Wahrheit ist, dass diese Herabstufung mich so mit glücklichsein überschwemmt hat, dass ich mir schlicht keine Zeit genommen habe darüber zu berichten. Die andere Wahrheit ist, dass viele Menschen nicht mit einer Genesung umgehen können. Nur schon in meiner kleinen Bubble musste ich mir unerhöhrte Dinge anhören. „Ich hätte nie MS gehabt. Ich sollte aufhören solche Dinge zu erzählen, denn die echten MS Patienten würde das verunsichern.“ Ganz ehrlich, ich mag noch nicht mal darauf eingehen. Und ich werde auch nicht auf all die Angriffe eingehen die da noch folgend. Denn der emotionale Komponente bei Multipler Sklerose ist  „im ständigen Kampf“ zu sein. Und heute, liebe engstirnige, verkorkste, geblendete und negative Kritiker (sorry, dass musste jetzt mal sein), entscheide ich welchen Kampf ich wann, wie und mit wem führe.

 

Om shanti shanti shanti
Anou

Für meinen Supermann.
Ich habe so vieles selbst geschafft auf diesem Weg. Habe so viele Kämpfe alleine niedergelegt oder bin sie gar nicht eingegangen. So viel Angst, Hoffnung, Verzweiflung und Schmerz habe ich getragen. Und ich bin dankbar, dass ich diesen Weg alleine gehen durfte. Ich musste niemandem wirklich Rechenschaft ablegen für meine Entscheidungen. Ich durfte auf mich hören. Und doch bist Du ein so wahnsinnig grosser Teil dieser Genesung und ich unendlich dankbar, dass Du an meiner Seite bist. Unsere tiefe Verbundenheit, Deine Liebe und unsere Art zu wachsen und zu lernen lassen auch ganz alte, tiefe und verkrustet Wunden heilen. Du machst mich ganz.
Danke.

 

Mein Unalome. Ein echtes Dada Chi. https://dadachi.com
Mein Unalome. Ein echtes Dada Chi. https://dadachi.com